Ehrenamt auf der Strahlenburg klingt nach Burgenromantik. An diesem Dienstag bedeutet es jedoch Lehrer mit Pferdeköpfen, fünf Stunden Arbeit an Geschäftsmodellen, Fledermausaufnahmen, Behördenfragen und am Abend eine Zeitreise zu Conrad von Strahlenberg. Am Ende habe ich viel bewegt – und keinen einzigen Euro verdient.

Morgens sitzt man mit Lehrerinnen und Lehrern auf einer Burg.

Nicht irgendeiner Burg, sondern auf der Burg. Auf der Strahlenburg, die gerade gleichzeitig Denkmal, Baustelle, Bildungsort, Ausflugsziel, Wirtschaftsprojekt, Naturschutzraum und ziemlich verlässlicher Produzent völlig absurder Situationen ist.

Ehrenamt auf der Strahlenburg beginnt mit einem Pferdekopf

An diesem Morgen tragen Menschen Pferdeköpfe. Totenmasken und ein Spinnrad, das den Tod bringt. Es sind Projekttage auf der Strahlenburg. Die Kurpfalz-Grundschule nutzt die Kulisse für ein Filmprojekt. Ich stelle mich als Hausherrin mit dem Schlüsselbund zur Verfügung und öffne alle Türen, die Besuchern sonst verschlossen bleiben, organisiere Equipment, liefere Bildunghäppchen. Das Bildung für Externe schlecht oder gar nicht bezahlt wird, kenne ich leider schon seit mehr als 20 Jahren. Das hat sich nicht geändert. Heute bekomme ich gar nichts dafür. Ein Apfelschnitz vom Lehrer, ein Toffee von der Lehrerin. Mein Frühstück.

Man steht also auf einer mittelalterlichen Burg, blickt über die Rheinebene, spricht über Bildung und Projekte und vor einem sitzt ein Pferd in roter Fleecejacke. In anderen Zusammenhängen würde man spätestens jetzt prüfen, ob man vielleicht zu wenig geschlafen oder am Abend zuvor zu viel getrunken hat. Auf der Burg ist das einfach ein ganz normaler Dienstagmorgen.

Person mit Pferdekopfmaske und roter Fleecejacke auf der Terrasse der Strahlenburg, im Hintergrund die Rheinebene.
Bild: Ungewöhnliche Perspektiven beim Projekttag auf der Strahlenburg.

Fünf Stunden für ein gemeinwohlorientiertes Geschäftsmodell

Am Mittag baue ich Geschäftsmodelle.

Ich rechne Pacht gegen Eigenbetrieb, Gastronomie gegen Ehrenamt, Gemeinwohl gegen Wirtschaftlichkeit. Ich überlege, wie eine Burg saniert, belebt, finanziert und gleichzeitig offen für die Menschen gehalten werden kann. Wie viel Umsatz möglich wäre. Welche Personalkosten entstehen. Was Vereine leisten können. Was ein Pächter leisten müsste. Wie viele Jahres es dauert bis die Stiftung Strahlenburg das Geld zur Sanierung des Bergfrieds zusammen hat. Wie man verhindert, dass eine Bürgerburg am Ende nur noch eine hübsche Kulisse für kommerzielle Veranstaltungen oder persönliche Bereicherung wird. Ich liebe diese Burg (und noch mehr, wenn ich sie in „Zur Sache Baden-Württemberg“ vom 23.7.26 ab der Anmoderation ab Min 28 für 4 Minuten sehe) Dass sich jemand daran bereichert mag wirtschaftlich in Ordnung sein, aber dieser Ort verdient was besseres! Also sitze ich weitere 5 Stunden an verschiedenen Wirtschaftsmodellen und denke über Imagewandel und Außenwirkung nach.

Und irgendwann hat man sie vor sich: Tabellen, Modelle, Prognosen und Szenarien. Zahlen, die darüber entscheiden könnten, ob ein historischer Ort in Zukunft nur erhalten oder wirklich mit Leben gefüllt wird.

Es ist später Nachmittag als ich damit fertig bin. Der Kühlschrank ist es auch. Er ist leer.

Naturschutz zwischen Fledermäusen und Bürokratie

Ach ja, und dann war da noch die Naturschutzbehörde. Der Wahnsinn will ja bürokratisiert werden – ehrenamtlich. Und ich? Ich werte meine Wildtierkamera aus, die mir zeigt, dass ich nachts zwischen 1 Uhr und 3 Uhr auf die Burg muss: Mit einem Fledermausdetektor, den ich mir nur dafür gekauft habe – der Lohn der letzten drei ganztägigen Geopark-Veranstaltungen – nur um zu unterscheiden, welche Myotis und Plecotus-Arten dort oben herumflattert – um dann von meinen Stiftungsmitgliedern zu hören: „Musst du das mit den Fledermäusen der Behörde sagen?“ Ja, muss ich! Denn ich nehme diese Burg ernst. Sie hat es verdient.

Fledermaus mit ausgebreiteten Flügeln im nächtlichen Torbogen des Bergfrieds.
Bild: Nächtlicher Besucher im Bergfried: Eine Fledermaus fliegt durch den Torbogen.

Es ist schon spannend: in so einem alten Turm leben nicht nur Geschichten, auch Tiere und Ängste – vor Einsturz, vor Enge, vor Naturschutzauflagen, vor Denkmalschutzkosten, vor Tollwut, vor Fledermäusen, vor Keimen, vor Dohlen, vor zu viel Dreck, vor Steinschlag, vor brüchigen Treppen.

Fledermäuse im Turm: Zwischen Eureka und Katastrophe

Und gleichzeitig fliegen dort Tiere ein und aus, verschwinden in Spalten, kreisen durch dunkle Räume und tauchen nachts auf den Aufnahmen der Wildkamera auf. Also sitze ich am Bildschirm, betrachte verschwommene Flügel, Ohren und Schatten, notiere, recherchiere und freue mich: Das Graue Langohr wäre der Knaller, mein persönliches Eureka! Das ist von Aussterben bedroht! Wenn das dort wohnen würde, würde mein Herz höher schlagen, aber ich höre schon, wie die Stiftungsmitglieder die Augen rollen: Wieder ein „Viech“, das uns die Arbeit erschwert. Eine Katastrophe. Lustig. Dabei bin ich es, die seitenweise Berichte schreibt, Anträge stellt, durchs zeckenverseuchte Gebüsch kriecht oder nachts mit einem 300 Euro teuren Fledermausdetektor hoch zur Burg läuft…umringt von Wildschweingrunzen und Knacken im Gebüsch, das hoffentlich nur ein Reh war und die sich gleichzeitig fragt: Ist meine Tollwutimpfung eigentlich noch aktuell?

Ich mach das, weil wir für Grünarbeiten eine Genehmigung brauchen. Die Burg liegt im Landschaftsschutzgebiet. Weil mir Naturschutz wichtig ist, die Burg Lebensraum ist, eine einzige falsche Maßnahme Quartiere zerstören könnte und eine Art den Todesstoß geben kann – für immer.

Am Abend wartet Conrad

Am Abend denke ich dann: ok, jetzt tuts du was für dich. Und ich mache meine Zeitreise 800 Jahre zurück und schreibe an meinen mittelalterlichen Roman.

Oder versuche es zumindest.

Einen Roman, an dem ich seit Jahren arbeite. Ein Lebenswerk, für das ich recherchiere, verwerfe, neu ordne, Figuren entwickle, Genealogien baue, Burgen errichte, Schlachten plane, Pferde ausbilde, Reben pflanze und Äbte streiten lasse.

Hunderttausende Wörter sind dabei bereits entstanden.

Screenshot aus dem Romanmanuskript über Conrad von Strahlenberg mit markierten Begriffen und einer Wortzahl von über 625.000 Wörtern.
Bild: 625.319 Wörter und Conrad besteht weiterhin auf seinem eigenen System.

Und ungefähr 600.000 davon wurden wieder gestrichen, umgebaut oder in irgendeinen digitalen Orkus geschickt. Das klingt wahnsinnig. Ist es auch. Ich hab meine zweite Fassung aufgegeben und schreibe nach 600.000 Wörtern eine neue. Fünf Jahre. Und an einen Abend sitzt man da und denkt: Nein. Das ist alles nicht richtig. Und ich sehe ihn vor mir: Conrad. Er steht am Burgtor der Strahlenburg und schüttelt den Kopf. „ich soll noch mal von vorne anfangen?“ Er nickt. Und ich? Ich klicke auf „neues Projekt“ und sitze schockiert vor einer leeren Seite, einem jungfräulich blinkenden Cursor und denke „Conrad, was tust du mir da an?“ Doch ich weiß: Er fordert mich. Er will nur mein Bestes. Und das bekommt seine Burg und er von mir. Ehre wem Ehre gebührt. Es ist mein Tribut an einen Mann, den ich nie wirklich kennenlernen werde und von dem ich bald mehr weiß, als von mir. Der Wahnsinn treibt seltsame Stilblüten.

Unsichtbare Arbeit bleibt Arbeit

An einem einzigen Tag beschäftigt man sich also mit Lehrer mit Pferdeköpfen, Kindern mit vergifteten Spinnrädern, Gastronomiemodellen, Gemeinwohl, Fledermäusen, Behörden, Grünpflege und einem Ritter aus dem 13. Jahrhundert.

Man rettet ein bisschen Burg, entwickelt ein bisschen Zukunft, schützt ein bisschen Natur, schreibt ein bisschen Geschichte.

Und am Ende dieses Tages stellt man fest: Ich habe keinen einzigen Euro verdient. Nicht einen.

Das ist der Moment, in dem ehrenamtliche und kreative Arbeit ihre merkwürdigste Seite zeigt.

Denn natürlich war dieser Tag nicht wertlos. Im Gegenteil. Er war voller Arbeit, Verantwortung, Wissen, Ideen und Entscheidungen. Ich habe Dinge vorbereitet, Denkanstöße geliefert, Möglichkeiten eröffnet, Zusammenhänge erkannt, Lösungen entwickelt. Vielleicht habe ich heute sogar Weichen gestellt, die später sehr viel Geld sparen oder ein ganzes Projekt voranbringen.

Nur taucht all das auf keiner Gehaltsabrechnung auf.

Es gibt Tätigkeiten, die gesellschaftlich als besonders wertvoll gelten, solange niemand dafür bezahlt werden muss.

Ehrenamt ist wichtig. Engagement ist wichtig. Kultur ist wichtig. Bildung ist wichtig. Naturschutz ist wichtig. Literatur ist wichtig.

Aber offenbar sollen all diese wichtigen Dinge möglichst von Menschen erledigt werden, die nebenbei von etwas anderem leben.

Das funktioniert eine Weile.

Es funktioniert mit Begeisterung, Idealismus und einer gewissen Bereitschaft zum Wahnsinn. Es funktioniert, solange man die Bedeutung der Sache größer empfindet als die eigene Erschöpfung.

Aber Arbeit bleibt Arbeit, auch wenn man sie gern macht.

Eine Burg zu entwickeln ist Arbeit.

Ein wirtschaftliches Konzept zu schreiben ist Arbeit.

Behördliche Fragen zu klären ist Arbeit.

Tierarten zu dokumentieren ist Arbeit.

Bildungsangebote zu planen ist Arbeit.

Sogar einen Roman zu schreiben ist Arbeit, auch wenn man das in seiner Freizeit tut.

Eine Person filmt mit einem Tablet eine inszenierte Szene in einem Raum der Strahlenburg.
Bild: Kreative Filmarbeit in den Innenräumen der Strahlenburg.

Auch Arbeit die Spaß macht und gemeinwohlorientiert ist, ist Arbeit

Und vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem: Manche Arbeit sieht nicht aus wie Arbeit.

Sie sieht aus wie ein Ausflug auf eine Burg, oder ein Gespräch, ein bisschen Schreiben am Computer, oder wie das Ansehen von Fledermausvideos oder einfach wie ein Mensch mit Pferdekopf, über den man Lachen kann.

Dabei entsteht im Hintergrund etwas sehr Reales: Wissen, Struktur, Schutz, Kultur, Zukunft.

Vielleicht ist dieses Foto deshalb das passendste Bild für meinen derzeitigen Alltag.

Eine Gestalt im Pferdekopf steht auf einer Burg über der Rheinebene.

Der Anblick ist leicht absurd und spiegelt meinen Alltag wider. Ich frage mich selbst:

Wie genau bin ich eigentlich zu der Person geworden, die morgens Lehrer mit Pferdeköpfen begleitet, mittags eine Burggastronomie kalkuliert, nachmittags Wildtierkameras ausliest, abends mit einem Ritter aus dem Jahr 1221 streitet und nachts auf dessen Burg steigt, um Fledermäusen zuzuhören, damit man im Herbst Efeu von denkmalgeschützten Mauern schneiden kann – ehrenamtlich versteht sich.

Die Antwort ist einfach:

Ich bin meiner inneren Stimme gefolgt. Meinem Herzen. Meinem „Krafttier“.

Das ist keine Fledermaus, sondern ein Ritter aus dem 13. Jahrhundert: Conrad von Strahlenberg. Er steht an seinem Burgtor und lächelt mir zu.

Wenn Ehrenamt zur Existenzfrage wird

Und trotzdem macht mir etwas Angst.

Wenn man einmal in diesen Strudel aus ehrenamtlichem Wahnsinn geraten ist, wenn man etwas tut, von dem man zu zweitausend Prozent überzeugt ist, kann man dann irgendwann trotzdem seine Miete, sein Essen und seine Krankenkasse bezahlen?

Oder zerfällt man eines Tages zu Staub, weil man sich für all die Dinge, die es verdient haben, vollständig aufgerieben hat?

Diese Frage wird mit jedem Tag realer.

Nachtrag: Auch Sichtbarkeit ist Arbeit

Und dann sitzt man da und denkt: Eigentlich müsstest du noch einen Blogbeitrag für die Stiftung schreiben. Aber selbst die kleine Randnotiz, mit der ich diesen Tag für die Stiftung sichtbar machen könnte, wäre wieder Arbeit: einloggen, Bilder auswählen, schneiden, formatieren, hochladen, Text schreiben. Eine weitere unbezahlte Stunde oder zwei, damit am Ende fünf harmlose Sätze so aussehen, als seien sie nebenbei entstanden. Also schreibe ich heute nicht den Artikel, der die Stiftung sichtbar macht. Ich schreibe den, der sichtbar macht, was diese Stiftungstage mit mir machen. Denn ich bin müde, erschöpft und hungrig.

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