Vorbereitung auf den Tag des offenen Denkmals – und ein unerwarteter Perspektivwechsel
Der Tag des offenen Denkmals kann kommen.
Ich bin vorbereite. Über 2 Wochen habe ich an vier sehr unterschiedlichen Führungen gefeilt, um verschiedenen Zugänge zu einem Ort zu eröffnen, der mir mittlerweile so ans Herz gewaschen ist, dass ich mich schon so sehr verantwortlich dafür fühle, wie eine Mutter für ihr Kind. Tja, das bleibt wohl nicht aus, wenn man die Burg seines Romanprotagonisten kauft.
In den letzten 14 Tagen habe ich also Führungen vorbereitet, Stationen verschoben, historische Daten sortiert, neurobiologische Erklärungen geprüft, ein 12-Knoten-Seil geknüpft und darüber nachgedacht, wie schwer ein Jutesack sein muss, damit Kinder den Unterschied zwischen einer Umlenkrolle und einem Flaschenzug tatsächlich wortwörtlich begreifen. Das ganze zu Minimalbudget. 100 Euro hat mich das Equipment aber doch gekostet, für kostenlose Führungen die hoffentlich irgendwann dazu führen, dass wir jemanden finden der Sagt: „Hier! Hier sind ein paar Millionen, baut Eure Burg aus, macht daraus einen Leuchtturm für gesellschaftliche Verantwortung, gebt diesem Ort alles zurück was er verdient und viel mehr.“ Das wär´s.
Doch nun liegen erst einmal vier völlig unterschiedliche Führungen vor mir.
800 Jahre Strahlenburg erzählt die Geschichte der Burg vom mittelalterlichen Herrschaftssitz über Pfand, Brand und Ruine bis zum heutigen Gemeinschaftsprojekt. Eine klassische Geschichtsführung.
Denkmalschutz, Naturschutz und Nutzung fragt danach, was eigentlich geschieht, wenn eine alte Burg gleichzeitig Baudenkmal, Lebensraum für Tiere und Pflanzen und ein Ort für Menschen sein soll. Wie geht das zusammen?
Bei der Psychogeographie geht es darum, was Räume mit uns machen.
Und dann gibt es noch Conrad und der Burgbau. Das ist die Führung für Kinder. Wahrscheinlich diejenige, bei der ich selbst am meisten spielen möchte: Burgenmathematik für Kinder.
Doch irgendwann, zwischen Knotenseil und Flaschenzug, hatte ich plötzlich einen ganz anderen Gedanken: Was würde er eigentlich denken, wenn er uns heute sehen könnte?

„Sie steht noch.“
Wir wissen nicht, was Conrad von Strahlenberg gedacht hat, als er im 13. Jahrhundert begann, hier oben zu bauen. Wir wissen nicht einmal, wann der erste Stein gesetzt wurde – ich habe ein Indiz: 1231. Aber mehr ist es nicht. Doch wir wissen, dass auf diesem Berg eine Burg entstand, die seinen Namen trug und ihn bis heute trägt.
Vielleicht war sie für ihn Schutz, Macht, Anspruch, ein Versprechen an seine Familie. Oder wie so oft: von allem etwas.
Ich bin so oft mit meinen Kopf in seiner Welt, dass die Vorstellung, er würde heute in unsere Welt kommen, mitunter absurd klingt. Aber…es macht etwas mit mir. Es ist der ultimative Perspektivenwechsel und manchmal weine ich dabei. Warum, weiß ich nicht, vielleicht weil ich zwei Bedeutungen desselben Ortes aushalte muss.
Er würde zunächst vermutlich vieles nicht verstehen:
- Autos (Conrad: „Ihr reitet im Bauch dieser Bestien?“),
- elektrisches Licht („Wie geht das? Ihr drückt einen Schalter und das Feuer ist in diesen kleinen Glasgefäßen? Hexerei!“) ,
- was eine Stiftung ist („Sindy, ist das etwas wie Kirche?“ Ja Conrad, so ungefähr. 🤣)
- Menschen, die kleine Geräte in der Hand halten und damit Bilder machen (Conrad: sprachlos!)
- Denkmalschutz (Conrad: „Wie? Ich darf da nicht mit Katapulten draufschießen?“ Nein, Conrad, gar nicht. Conrad: „Was? Wie soll man die dann einnehmen?“ )
- Naturschutzbehörden (Sindy: „Nein Conrad, du darfst die Dohnen nicht braten!“ Conrad erbost: „Aber die scheißen mir auf die Rüstung.“)
- Förderanträge („Ist das so als würde ich ein Lehen antreten?“ Ja, das kommt dem am nächsten. Conrad: „Oh, davon verstehe ich was.“ Und endlich wären wir uns mal einig ❤️)
- Psychogeographie (spätestens wenn ich mit der Wirkung von Raum auf die menschliche Psyche kommen würde, wurde ich wohl auf dem Scheiterhaufen enden. Nur gut, dass diese 1230 herum noch nicht so präsent waren… oder er würde sagen: „Ihr geht auf meine Burg, um zu untersuchen, was meine Burg mit euch macht?“ Ja. Conrad: „Sie sollte eigentlich verhindern, dass ihr überhaupt hereinkommt.“🤣).
Aber irgendwann würde er wahrscheinlich aufhören, auf unsere seltsamen Begriffe zu achten und auf die Mauern schauen. Seine Mauern. Er hat die Grundsteine gelegt. Und vielleicht wäre sein erster Gedanke viel einfacher:
Sie steht noch. Und ja, es sind nur noch die Reste dessen, was seine Burg einst war. Oder was sein Sohn oder sein Enkel, der Pfalzgrafen und übrigen Besitzer daraus gemacht haben. Sie ist nicht mehr das, was sie damals war, aber in den Grundmauern würde er die ersten Steine erkennen, die da seit 800 Jahren das Gewicht der Mauern tragen. Er würde sich erinnern an die Maurer, die Gesellen, den Steinmetz. Vielleicht würde er sogar noch wissen, wo der Stein aus dem Feld gebrochen wurde, oder ob es ein Stein der alten Strahlenburg ist. Er würde da stehen und dann hebt er die Hand und legte sie an den Stein. Für einen kurzen Moment schließt er die Augen und sieht alles, was er mit diesen Mauern verbindet. Und dann dreht er sich hinunter in in die Rheinebene und sieht… seine Stadt: Schriesheim.
Und dann würde er nach unten schauen
Das ist der Moment, an dem sich für mich die Perspektive noch einmal grundlegend verändert. Denn es sind nicht irgendwelche Menschen, die sich heute um seine Burg kümmern. Es sind keine Fremden und auch keine Pfalzgrafen aus Heidelberg.
Es sind die Bewohner seiner Stadt.
Die Menschen aus Schriesheim. Winzer, Zimmerleute, Pfarrer und eine Biologin (er würde mich wohl als „Kräuterfrau“ einsortieren😊 ). Es sind Menschen von hier, jene die am Fuß der Burg wohnen und die Tag, ein Tag aus, hinauf zur Burg schauen.
Natürlich ist es nicht mehr Conrads Schriesheim. Die Menschen leben anders. Die gesellschaftliche Ordnung ist eine andere. Niemand schuldet einem Burgherrn Frondienste oder Abgaben. Zum Glück. Aber der Ort ist derselbe und er ist gewachsen! Von einst vielleicht 1000 Menschen, auf 15.000 ! Das klingt in 800 Jahren nicht viel, aber wenn ich eines über Schriesheim gelernt habe in den letzten 30 Jahren: Es ist dasselbe loyale Völkchen, dass es einst war.
Es hat seinen Burgherren bei der Ächtung nicht im Stich gelassen (sonst wäre die Burg wohl damals längt in andere Hände gefallen), es stand seinen Sohn gegen den Pfalzgrafen bei, es wurde degradiert zum Dorf, starb im 30 Jährigen Krieg fast aus, aber die Schriesheimer haben immer zusammengehalten, nie aufgegeben, immer wieder sind sie aufgestanden und haben den sprichwörtliche Karren aus dem Dreck gezogen. Gemeinsam. Ja, das gilt nicht für alle 15.000 einzelne Seelen, aber es gibt in Schriesheim einen festen Kern, der einen unglaublichen Zusammenhalt gezeigt hat. Zu sehen in den Monaten von Mai bis August 2026, als die Vereinsgemeinschaft mit über 200 Helfern die Burg bewirtete. 200 ehrenamtliche Helfer! Und so viele mehr, die bei Arbeitseinsätzen helfen. Das hat was mit den Menschen hier gemacht. Jeder, inkl. mir, schaut nun hoch zur Burg und ist … stolz.
Und so steht Conrad an der Mauer seiner Burg, blickt hinab auf seine Stadt und seine Leute… und in seinem Gesicht erscheint ein Lächeln.

Und acht Jahrhunderte nachdem ein Herr von Strahlenberg eine Burg über dieser Stadt errichten ließ, haben sich Menschen aus dieser Stadt zusammengetan, um dafür zu sorgen, dass sie nicht verschwindet. Nicht weil ein Herr es befiehlt oder sie dazu verpflichtet wären. Sondern weil sie selbst freiwillig entschieden haben:
Diese Burg gehört zu unserer Stadt.
Ich glaube, genau das wäre für Conrad schwerer zu begreifen als jedes Smartphone und vielleicht ist das der Punkt, wo auch er weint. Weil es groß ist. Wirklich riesengroß. Und weil es einen mitten ins Herz führt.
Eine Burg wechselt ihre Bedeutung
Vielleicht ist das überhaupt das Faszinierende an einem Denkmal wie dieses. Die Steine sind immer noch dieselben, aber ihre Bedeutung verändert sich.
Conrads Burg war ein Herrschaftsort, später wurde sie Pfand, Verwaltungsobjekt, Ruine, Steinbruch, romantischer Aussichtspunkt, dann Ausflugslokal. Und nun versuchen wir, daraus etwas Neues zu machen: einen Ort für Geschichte, für Bildung, Natur, Begegnung. Ein Ort für Kinder, für Fragen und Menschen, die gemeinsam etwas gestalten wollen. Das ist etwas ganz anderes als „Rückkehr ins Mittelalter“. Das sollte es auch nicht sein.
Wir bewahren eine Burg nicht, um mit Ritterrüstung oder Gewandung so zu tun als ob, sondern weil uns dieser Ort etwas erzählen kann: über uns Menschen, über Machtstrukturen, Technik, Nachhaltigkeit usw. über das, was vergeht und über das, was bleibt.
Vielleicht würde Conrad bei den Kindern stehen bleiben
Ich glaube, bei meiner Kinderführung würde Conrad irgendwann stehen bleiben und sich vielleicht an den Jungen erinnern , der beim Steinmetz in die Lehre ging. Kaum 7 Jahre alt, die Steine heranschleifend, das Seil haltend, vielleicht viel zu abgemagert für sein Alter. Er wirft dem Knirps einen Apfel zu und der nickt dem Herren dankbar zu und Conrad denkt sich: Wann bekomme ich eigentlich einen Sohn?
Vielleicht würde er darüber lachen, dass wir Erwachsenen ein pädagogisches Konzept aus etwas machen, das für die Menschen damals so selbstverständlich war, wie für uns heute der PC.
Für seine Bauleute waren Seile, Rollen und Hebel, keine Bildungsstationen. Sie waren tägliche Arbeiten. Dann würde er sagen: „Wie, das wissen die nicht?“
Nein, Conrad. Die bauen heute andere Dinge mit mehr technischen Hilfsmitteln und KI-Support.
„Und wenn ihr all das nicht mehr habt? Was macht ihr dann?“
Genau deshalb zeigen wir es ihnen. Damit sie verstehen, dass wir davon nicht abhängig sind und das es Menschen vor 800 Jahren auch ohne KI Unterstützung und millimetergenauen Grundrissen gelungen ist, Kathedralen zu bauen oder Burgen, Brücken oder den Strahlenberger Hof.
Gebäude, vor denen wir acht Jahrhunderte später noch stehen und uns nicht mehr vorstellen können, wie das funktioniert hat, und das, obwohl unsere heutige Architektur noch nicht mal harmonischen Grundregeln folgt.
Vielleicht würde ihm das gefallen.
Und vielleicht würde er erst auf der Terrasse verstehen
Für mich schließt sich auf der Burg der Kreis.
Conrad baute die Burg.
Aus ihrem Herrschaftsraum entwickelte sich Schriesheim zur Stadt.
Acht Jahrhunderte später übernehmen die Bürger und Bürgerinnen Verantwortung für die Burg und machen aus ihr einen völlig neuen Bedeutungsraum.
Irgendwie ist das eine wunderschöne Wendung.
Vielleicht würde er das nicht sofort verstehen und ich müsste ihm Stiftung, Gemeinnützigkeit und Ehrenamt erst ziemlich lange erklären, aber ich denke, wenn ich anfange ihm zu sagen, dass Gottes Wege am Ende immer ins Gute führen, dann würde er still werden, einen Krug Wein aus dem Keller holen und sich mit mir auf die Terrasse setzen und auf seine Stadt schauen, dann hinauf zu den Resten seiner Burg.
Und vielleicht wäre da nur noch diese eine Erkenntnis:
Sie steht noch. Und meine Stadtbewohner kümmern sich darum, dass das so bleibt.
Weil sie die Burg lieben.

