Am Mittwoch, den 12. August war Sonnenfinsternis und die Burg hatte ein echtes Problem, ein Verkehrsproblem.

Keine totale, aber immerhin genug, um die Strahlenburg und die Weinberge rundherum mit Menschen zu füllen. Auf der Burgterrasse war kaum noch ein Platz frei, in den Weinbergen saßen Besucher mit Decken, Kameras und Fernrohren, und irgendwann passierte unten auf der Strahlenberger Straße das, was passieren musste:

Nichts ging mehr.

Autos fuhren hoch. Andere wollten wieder herunter. Die Straße ist eng und endet an der Burg: Sackgasse. Es entstand Stau.

Enge Zufahrt zur Strahlenburg mit Fahrrädern, parkenden Fahrzeugen und wenig Platz für Begegnungsverkehr.
Bild: Enger Weg, viele Nutzer: Die Zufahrt zur Strahlenburg ist bis heute ein Nadelöhr ((Foto: Sindy Grambow)

Es ist nicht das erste Mal das wir in der Stiftung Strahlenburg über Parkverbote, Zuflusssteuerung, Rettungswege, mobile Ampellösungen oder Straßensperrungen diskutieren, denn die Frage , wie man das bei einer großen Veranstaltung künftig besser den Autoverkehr organisieren könnte, die ist so alt wie das Auto…und eigentlich so alt wie ein mittelalterlicher Ochsenkarren.

Denn plötzlich fiel mir auf:

Das Verkehrsproblem hatte Conrad vor knapp 800 Jahren wahrscheinlich auch und zwar mindestens seit dem Burgbau und nicht mit Autos, sondern in Form von Ochsenkarren: muhend, stinkend und die Straße vollscheißend. Es hat ja seinen Grund, warum der Mensch Autos erfunden hat.

Eine Burg braucht ziemlich viel Stein

Parkplatz der Strahlenburg in Schriesheim mit zahlreichen Autos, Bäumen und dem Bergfried im Hintergrund.
Bild: Heute Parkplatz, früher vermutlich Ankunftsraum für Menschen, Tiere und Baumaterial: der Bereich unterhalb des Bergfrieds (Foto: Sindy Grambow)

Conrad von Strahlenberg begann vermutlich in den 1230er-Jahren mit dem Bau der heutigen Strahlenburg.

Was heute romantisch als Burgruine über Schriesheim steht, war damals eine gewaltige Baustelle mit Bergfried, Ringmauer und Wohnbau.

Alles aus Stein. Und nicht nur Stein! Es brauche auch Wasser da oben, solange es keinen Brunnen gab, es brauche Sand und Kies für Mörtel und Bauholz. Jede Menge Bauholz: Gerüstholz, Stützhölzer, Holz zum Reparieren, Holz für Baukräne.

Thomas Steinmetz und Thomas Biller beschreiben die Strahlenburg als überraschend funktional und ökonomisch geplant. Der Bergfried misst rund 6,8 Meter im Durchmesser, die Ringmauer ist teilweise mehr als zwei Meter stark, und allein die erhaltenen Mauerreste lassen erahnen, welche Mengen Baumaterial hier bewegt worden sein müssen.

Ich hatte irgendwann einmal überschlagen, wie viel Stein dafür ungefähr auf den Burgberg geschafft worden sein könnte.

Natürlich ist das keine archäologische Vermessung, sondern eine Spielrechnung.

Aber sie landet bei einer Größenordnung von etwa 20.000 Tonnen Stein – für eine Voll ausgebaute Burg im 14. Jahrhundert! Ein paar Tonnen können wir sicher abziehen, denn Conrads Burg war kleiner, aber wie gesagt, dafür kommen die Wagenlagungen an Holz, Sand und Kies noch obendrauf.

Wenn ein Ochsenkarren ungefähr 500 Kilogramm transportierte, wären das rund:

40.000 Karrenladungen.

Und jetzt wird es interessant.

Angenommen, ein Gespann schafft mehrere Fahrten am Tag und gebaut wird über mehrere Jahre (sagen wir 7 Jahre, von 1231 bis 1239, abzüglich seines Ächtungsjahres, in der er sicher weniger oder gar nicht gebaut hat) , dann landet man schnell bei Größenordnungen von vielleicht 20 bis 30 Steintransporten pro Bautag.
Also grob: alle 20 bis 30 Minuten ein Ochsenkarren auf dem Burgweg.
Und derselbe Karren muss anschließend wieder herunter.
Plötzlich steht Conrad mitten in unserem Verkehrsproblem von 2026.

KI-generierte Rekonstruktion der Strahlenburg als mittelalterliche Baustelle mit Conrad von Strahlenberg, Ochsenkarren, Steinmetzen und Baugerüsten.
KI-generiertes Bild: Die selbe Stelle 800 Jahre zuvor. So könnte es ausgesehen haben: Conrad von Strahlenberg mitten im Baustellenverkehr seiner Burg auf dem heutigen Burgparkplatz.

Hoch. Runter. Und bitte nicht gleichzeitig.

Ein beladener Ochsenkarren ist kein SUV, hat aber ähnliche Ausmaße, eine schlechtere Servolenkung und einen sehr schwerfälligen Rückwärtsgang. Auch die Bremsen sind beim Ocheskarren etwas langsamer.

Ein schweres Ochsen-Gespann auf einem schmalen Hangweg lässt sich nicht mal eben rückwärts setzen, wenn von oben ein zweiter Wagen entgegenkommt.

Also muss irgendjemand entschieden haben: Wer fährt wann?

Historische Quellen über eine „Verkehrsordnung der Strahlenburgbaustelle“ gibt es meines Wissens nicht. Das wäre der Hit und für uns in der Stiftung sicher auch hilfreich, dieses Verkehrsproblem zu lösen.

Aber logisch wäre ein sehr einfaches System: Mehrere beladene Wagen fahren gemeinsam nach oben. Oben werden sie entladen. Währenddessen wartet der Gegenverkehr. Dann fahren die leeren Wagen gemeinsam wieder hinunter. Danach kommt die nächste Gruppe hoch.

Im Grunde: Einbahnverkehr auf Zeit.

Vielleicht stand unten ein Knecht und ließ die Wagen erst los, wenn der Weg frei war, oder es gab Ausweichstellen. Vielleicht wurde auch auf Zuruf die Straße freigegeben oder man wartete schlicht nach einer bekannten Reihenfolge: 2 Wagen hoch, 2 Wagen runter.

Wir wissen es nicht. Aber wir wissen eines ziemlich sicher:

Wenn Conrad Tausende Karrenladungen Material auf einen engen Burgberg schaffen wollte, konnte er es sich nicht leisten, dass sich seine Ochsen gegenseitig den Weg versperrten. Und eigentlich ist das genau der Punkt, an dem mittelalterliche und moderne Verkehrsplanung auseinandergehen:

Heute wollen wir Verkehr verteilen. Conrad wollte ihn bündeln.

Denn eine Burg sollte gerade nicht bequem von allen Seiten erreichbar sein. Ein enger, kontrollierbarer Zugang war ein Vorteil. Viele Angreifer gleichzeitig vor dem Tor? Mit bequemen Wendehammer? Möglichst nicht. Was militärisch sinnvoll war, ist 800 Jahre später verkehrstechnisch eher lästig.

Das Verkehrsproblem 800 Jahre später

Und damit saß ich plötzlich da und dachte: Moment.

Das wäre doch heute auch gar keine schlechte Idee. Nicht unbedingt Knechten und Ochsen, aber vielleicht mit einer temporären Verkehrssteuerung. Bei sehr großen Veranstaltungen könnte man den Verkehr auf der Strahlenberger Straße abschnittsweise in nur eine Richtung fließen lassen: erst hoch, dann runter, dann wieder hoch.

Heute könnte man dafür mobile Ampeln oder Verkehrsposten einsetzen und gleichzeitig verhindern, dass mehr Fahrzeuge auf den Burgberg fahren, als oben überhaupt aufgenommen werden können.

Aber das Grundproblem ist erstaunlich zeitlos.

Ob und wie das verkehrsrechtlich möglich wäre, müssten selbstverständlich Stadt und zuständige Behörden prüfen.

Daneben gibt es noch andere Stellschrauben gegen das Verkehrsproblem: eine öffentliche Wendemöglichkeit vor der Burg, eine klare Kennzeichnung des privaten Burgparkplatzes, eine eindeutige Wanderbeschilderung und vor allem gute Hinweise bei Veranstaltungen, dass die Parkmöglichkeiten oben begrenzt sind. Denn das Grundproblem ist erstaunlich zeitlos: ein enger Weg, viele Menschen, viele Fahrzeuge, begrenzter Platz und irgendwann die Frage:

Wer darf zuerst?

Der Burgbau vor allem Logistik

Wenn wir an mittelalterliche Burgen denken, sehen wir Ritter, Steinmetze und Maurer. Wir sehen Bergfried, Schildmauern und Palaswände, aber wahrscheinlich bestand ein großer Teil des Burgbaus aus Dingen, die erschreckend modern wirken:

Material herbeischaffen,
Arbeitskräfte koordinieren,
Tiere versorgen (heute sind es die Gäste auf der Burg 😉),
Wege freihalten,
Lieferungen takten,
Wagen reparieren (oder eine Burg),
Steine zwischenlagern (oder leere Getränkekästen),
und verhindern, dass sich der gesamte Betrieb gegenseitig blockiert.

Vielleicht stand Conrad also irgendwann tatsächlich auf seinem Burgweg, sah zwei verkeilte Ochsenkarren und fragte: „Wer hat den hochgelassen?“
Und irgendein Knecht antwortete: „Ich dachte …“
Worauf Conrad sagte: „Du sollst nicht denken, wann ein Wagen fährt. Dafür haben wir eine Reihenfolge.“

Ob es so war? Keine Ahnung. Aber spätestens seit der Wiedereröffnung und diesem Sonnenfinsternis-Tag weiß ich:

Eine Burg braucht ein Zufahrskonzept.

1225 genauso wie 2026 und ich grinse: Manchen Probleme sind wirklich zeitlos, selbst Verkehrsproblem, die wie immer nur aus Sicht des heutigen Straßenverkehrs sehen. Und dann ertappe ich mich schon wieder, wie ich für die Stadt noch ein Förderprogramm raussuche. Eigentlich nicht meine Aufgabe, aber was heißt das schon…

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