Baukletterer
Bild: Wenn Menschen ehrenamtlich für die Strahlenburg kämpfen. (Foto: © Sindy Grambow)

Es gibt Momente, da sitze ich zu Hause und werde von Emotionen überwältigt, weil ich in den letzten Wochen kaum hinterherkomme, alles zu verarbeiten.

Vorgestern stand ich um 7 Uhr auf der Burg mit Sascha Jillich, einem Baumgutachter, dutzende weitere Termine, der letzten war auf 18 Uhr geplant, es wurde 19 Uhr mit Bernhard Ullrich vom Verein Blühende Bergstraße e.V. zur Begehung des Außengeländes. Bis ich zu Hause war, war kurz vor 21 Uhr. Gestern war ich 11 Stunden oben, 9 davon mit den Baumpflegern von Arboreal Baumpflege. Heute Morgen um 8 Uhr stand ich am Tor, habe Abwasser-Experten koordiniert, den Security-Dienst für die Eröffnung abgestimmt, Bierbänke entgegengenommen und nebenbei tausend Kleinigkeiten erledigt, damit die Burg am 3. Mai überhaupt öffnen kann.

Parallel suche ich Förderprogramme, tausche mich mit Lehrern aus, die Interesse an Projekttagen auf der Burg haben, schreibe Sitzungsprotokolle und Artikel, baue die Webseite – und komme gerade so hinterher. Meine eigentliche Arbeit steht im Moment ganz hinten.

Dann sitzt man abends da, sichtet die Bilder des Tages, sortiert: Was passt auf Instagram, was wird ein Reel, was kommt auf die Webseite und was bleibt bei mir.

Und plötzlich bleibe ich an diesem Baumkletterer Bild von gestern hängen.

Ich starre es an und begreife, was darin steckt. Nicht nur mein Schweiß, meine Lebenszeit und mein Mut, sondern auch der von Menschen, die ich erst seit ein paar Stunden kenne. Menschen, die unter vollem Körpereinsatz arbeiten, und nicht ganz Risikofrei, damit diese Burg wieder öffnen kann. Während draußen manche sagen: „Cool, dass die Burg wieder aufmacht.“ Und andere hinter vorgehaltener Hand reden.

Beides gibt es. Wir wissen das.

Und dann sehe ich ihn da oben stehen – und merke, was Recht und Unrecht ist. Was der Unterschied zwischen Wissen und im Herzen verstehen. Und dass ich dieser Truppe gar nicht genug danken kann.

Und ich weine.

Weil ich in diesem Moment verstehe, wie groß dieses Projekt wirklich ist.

Abends liege ich im Bett, völlig erschöpft, und finde trotzdem keinen Schlaf. In diesem Dämmerzustand sehe ich ihn: Conrad. Er nickt mir zu: „Geh weiter.“ Er stellt sich vor mich, nimmt sein Schild, hält ihn schützend vor mich, trägt das, was ich gerade nicht tragen kann. „Geh weiter.“

Und ich merke, dass ich dieses Projekt nur stemme, weil seine Denkweise längst ein Teil von mir geworden ist. Das kam nicht plötzlich, sondern ist über Jahre gewachsen. Vielleicht war genau das die Vorbereitung auf diesen Moment, auf diese Aufgabe. Wir stemmen ein Millionenprojekt, eines bei dem Menschen sagen, dass wir das nie schaffen. Aber wir schaffen…ein Schritt nach dem anderen.

Ja, ich habe Angst. Angst, dass mir das alles über den Kopf wächst. Aber er hält es aus. Mein innerer Conrad. Er schiebt die Angst beiseite. ich sehe seine Entschlossenheit, seinen Mut, sehe wie sein Arm die Wucht der Schläge auf sein Schild abfängt. Er hält ihn. Ich bin sicher. „Geh weiter.“

Ich sehe dieses Bild an und weiß: Das ist ein Ritter der Neuzeit. Ein Baumpfleger. Sein Schwert: eine Kettensäge, seine Rüstung: Schnitzschutz. Einen Helm tragen beide. Was für Conrad das Pferd, ist für ihn das Seil. Es bringt ihn sicher hoch und wieder runter. Und beide kämpfen. Dafür, dass Menschen hier wieder zusammenkommen können. Dafür, dass diese Burg wieder lebt. Conrads Burg. Die Burg meines Protagonisten. Die Burg unseres Stadtgründungsvaters. Die Burg Schriesheims. Die Burg für Bürger und Bürgerinnen. Die Burg der Stiftung deren Mitgründerin ich bin. „Meine“ Burg.

Das ist Bedeutung, Wiederholung und Zeitenwende in einen.

Wir geben diesem Ort, der vor 800 Jahren entstanden ist, wieder Bedeutung für die Menschen, die zu ihren Fuße leben. Und das ist so groß, dass es mich überwältigt.

Und dann sitze ich still da, und vor meinem inneren Auge stelle Conrad das Schild ab und kniet sich neben mich. Er beginnt zu beten. Und ich kann nicht anders, als es ihm gleichzutun und Gott für dieses Geschenk zu danken.

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