Mit Maurerkellen gegen das Vergessen

Wie oft Conrad von Strahlenberg zu seinen Lebzeiten auf der Nachbarburg, der Schauenburg bei Dossenheim, zu Gast war, lässt sich heute nicht mehr sagen. Es gibt Urkunden, in denen beide Familien gemeinsam auftreten. Und da Conrads gleichnamiger Sohn später Agnes von Schauenburg heiratet, dürften die Verbindungen enger gewesen sein, als die wenigen erhaltenen Quellen vermuten lassen.

Das alles ist viele hundert Jahre her. Vom höfischen Glanz jener Zeit ist weder auf der Strahlenburg noch auf der Schauenburg viel geblieben.

Die mächtigen Mauern der Schauenburg prägen bis heute das Erscheinungsbild der Ruine. Zahlreiche Bereiche wurden in den vergangenen Jahrzehnten gesichert und erhalten.
Bild: An vielen Stellen wurde die Schauenburg unmittelbar auf dem natürlichen Fels errichtet. Der Untergrund prägt bis heute die Stabilität und die Herausforderungen bei der Erhaltung der Anlage. (Foto: Sindy Grambow)

Stattdessen: Steine. Mörtel. Mauerkellen.

Und mittendrin: Dierk Rafflewski.

Eigentlich ist er Pfarrer. Heute hat er den Talar gegen Arbeitskleidung und Schubkarre getauscht. Seit über dreißig Jahren arbeitet er an der Schauenburg. Er kennt jeden Stein, jede Stufe und jede Reparatur. Gemeinsam mit der AG Schauenburg hat er den Burggraben weitgehend wieder freigelegt und die Brücke darüber neu errichtet. Außerdem betreibt er den Blog der Arbeitsgemeinschaft.

Bild: Dierk Rafflewski, Pfarrer und langjähriges Mitglied der AG Schauenburg, kennt die Anlage wie kaum ein anderer. Seit Jahrzehnten setzt er sich ehrenamtlich für den Erhalt der Burgruine ein und gibt seine Erfahrungen an neue Generationen weiter. (Foto: Sindy Grambow)

Ich bin heute hier zu Gast, weil die kleine Landvogtei von Strahlenburg von den Grafen der Schauenburg lernen möchte – zumindest im übertragenen Sinn.

Wie geht die AG mit dem Denkmalschutz um? Welche Erfahrungen haben sie mit Mauersicherungen und Mörtelmischungen gemacht? Wie organisieren sie sich? Wie finanzieren sie ihre Arbeit? All das brennt mir unter den Nägeln.

Was die AG Schauenburg in Dossenheim vom Denkmalschutz gelernt hat

Umso positiver überrascht mich, wie bodenständig vieles ist. Denkmalschutz erweist sich nicht als Hexenwerk. Es ist durchaus möglich, mit Jugendlichen historische Mauern instand zu setzen. Natürlich erzählt der Freizeit-Burgruinenbauer auch die eine oder andere Geschichte darüber, wie der Denkmalschutz-Beauftragte gelegentlich die Stirn gerunzelt hat.

Vorbereitung von Mörtel für Sanierungsarbeiten an der Schauenburg
Bild: Die Jugend hilft mit: Mörtelmischen für die nächsten Reparaturarbeiten auf der Schauenburg in Dossenheim. (Foto: Sindy Grambow)

„Da hat der Denkmalschutz mit uns geschimpft.“ Er lacht.

Doch die Gruppe war lernbereit. Wenn etwas nicht den Vorgaben entsprach, wurde es eben wieder zurückgebaut und anschließend so ausgeführt, wie es verlangt wurde.

„Viele der Auflagen machten auch keinen Sinn“, erinnert sich Rafflewski. „Wir sollten zum Beispiel zuerst den Eingang wieder aufmauern. Aber der hätte uns bei allen weiteren Arbeiten nur behindert.“ Hier traf wohl der bürokratische Papiertiger auf den praktischen Baulöwen.

Bild: Bei den Sanierungsarbeiten an der Schauenburg wurde das Fundament der Burgmauer freigelegt. Hier zeigt sich, wie wichtig eine sorgfältige Untersuchung der historischen Bausubstanz für langfristige Sicherungsmaßnahmen ist. (Foto: Sindy Grambow)

Die Stelle, an der Rafflewski heute arbeitet, liegt im nördlichen Fundamentbereich der Burg – auf jener Seite, die zur Strahlenburg zeigt, doch die ist gut 2 km entfernt, versteckt hinter Wald, Weinbergen und Hügel.

Der Weg führt direkt an der Mauerkante entlang. Rechts erhebt sich die Mauer gut zwei Meter hoch. Links fällt das Gelände fast zehn Meter steil in den Burggraben ab. Der Pfad ist gerade breit genug, um eine Schubkarre hindurchzuschieben.

Als ich die abgestellte Schubkarre umrunde, gibt der Boden unter meinen Füßen leicht nach. In diesem Moment bin ich durchaus froh, dass mein Begleiter Pfarrer ist. Ein gewisses Gottvertrauen kann in arbeitssicherheitstechnisch anspruchsvollen Situationen durchaus hilfreich sein.

Bild: Der Burggraben der Schauenburg wurde in jahrzehntelanger ehrenamtlicher Arbeit wieder sichtbar gemacht. Er vermittelt einen Eindruck davon, wie die Burg einst gesichert war. Heute kommt ein selbstgebastelter Seilzug zum Einsatz, um den Mörtel über den Graben zu transportieren. (Foto: Sindy Grambow)

Mauersanierung auf der Schauenburg Dossenheim

Rafflewski steht schmunzelnd vor einem Loch in der Mauer und zieht einen lockeren Stein heraus. „Da hat man bei der ersten Sanierung vor vielen Jahrzehnten schon den Fehler gemacht, nicht bis auf das Fundament herunterzugraben.“ Er zeigt auf die Fundamentkante. Die Mauer darüber ist im Laufe der Jahre rund zwanzig Zentimeter nach außen gerutscht. „Jetzt muss ich die Verbindung irgendwie wieder herstellen.“

So entstehen sie also: die schiefen Mauern vergangener Jahrhunderte.

Bild: Die Ruine der Schauenburg zeigt noch heute eindrucksvolle Teile ihres mittelalterlichen Mauerwerks. Über Jahrhunderte haben Witterung und Bewuchs ihre Spuren hinterlassen. (Foto: Sindy Grambow)

Während er erklärt, sauge ich jedes Detail auf. Jeder Hinweis wird zur gedanklichen Notiz, abgespeichert und „Schauenburg Dossenheim“. Sofort entstehen neue Fragen. Wie sieht das eigentlich auf der Strahlenburg aus?

Die Strahlenburg ist Bodendenkmal. Fast hundert Jahre lang befand sie sich in Privatbesitz. Archäologisch untersucht wurde sie vermutlich nie wirklich. Das wäre einer meiner kleinen Träume. Oder vielleicht doch ein großer. Einmal etwas finden, das Conrad gehört hat. Ein Stück rostiges Metall, das sich als Mantelfibel entpuppt. Eine Scherbe seines Lieblingskruges. Irgendetwas, das nach acht Jahrhunderten plötzlich wieder eine Verbindung zu einem Menschen herstellt. Vielleicht liegt es noch irgendwo dort oben im Boden.

Was von Conrad von Strahlenberg geblieben ist

Mein Blick wandert über die Mauern der Schauenburg in Dossenheim. Und plötzlich wird mir bewusst, wie wenig von einem Menschen bleibt. Was für ein Wunder es eigentlich ist, dass nach achthundert Jahren eine Frau auftaucht, die nicht einmal Geschichte studiert hat und trotzdem wissen möchte:

Wer war dieser Mann?

Hier auf der Schauenburg lebte ein anderer, Graf Gerhard von Schauenburg, einer der höher gestellt war als der freiadlige Conrad, anfangs mächtiger, doch dann verarmte und schließlich 1228 starb.

Und wie merkwürdig es ist, dass sich diese Frau heute mit Fragen beschäftigt wie: Wie repariert man eine Burgmauer? Doch dann merke ich, warum ich mir diese Frage stelle, denn eigentlich lautet die Frage ganz anders: Wie verhindert man, dass die letzten Spuren eines Menschen endgültig verschwinden?

Jeder Stein, der hier gesetzt wird, ist ein kleines Mauern gegen das Vergessen.

Wer weiß. Vielleicht hatte Conrad manchmal ähnliche Gedanken.

Bild: Die mächtigen Mauern der Schauenburg prägen bis heute das Erscheinungsbild der Ruine. Zahlreiche Bereiche wurden in den vergangenen Jahrzehnten gesichert und erhalten. (Foto: Sindy Grambow)

Die Schauenburg werde ich sicher noch einmal besuchen. Auch die Kronenburg in Dossenheim steht auf meiner Liste. Sie war mit großer Wahrscheinlichkeit eher Wohnsitz der Schauenberger Grafen als die heutige Ruine auf dem Berg.

Doch heute führte mich mein Weg zur Schauenburg. Und deshalb an dieser Stelle:

Herzlichen Dank, Herr Rafflewski, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben.

Wer mehr über Conrad von Strahlenberg erfahren möchte, findet hier alles zu meiner bisherige Geschichte des Burgherrn von Schriesheim.

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