Der Abend dämmert und still senkt sich die Dunkelheit über der Strahlenburg. Der warme Wind streicht über das alte Mauerwerk, als kenne er jeden Stein beim Namen. Es ist der Abend vor der Wiedereröffnung der Burg.
Acht Jahrhunderte sind vergangen. Männer sind gekommen und gegangen. Sie haben gebaut, gekämpft, gebetet, gezweifelt. Vielleicht haben sie geglaubt, sie würden Spuren hinterlassen.
Doch was geblieben ist, ist der Ort an sich und eine Handvoll Namen. Einer von ihnen: Conrad von Strahlenberg.
800 Jahre. Und mir kamen 3 Jahre Schließung schon wie eine Ewigkeit vor. Drei Jahre in denen man die Burg nicht betraten konnte. Nicht das ich davor so häufig oben war, aber die Möglichkeit zu haben, es jederzeit zu können, war gegeben. Und dann war das weg und ich fragte mich: Warum war ich nicht öfters oben?
Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier einmal stehen würde als Teil der Burggeschichte und allein im Dämmerlicht auf Conrads Burgterrasse. Die letzten Wochen war ich häufiger allein hier oben, schloss die Burg auf und ab für Handwerker, machte Fotos, Notizen und dokumentierte. Manchmal lehnte ich mich an eine der alten Mauern und hörte ihnen zu. Sie schwiegen. So wie es Mauern schon immer tun. Sie halten still fest, was zwischen ihnen passierte. Ich schwieg mit ihnen. Es braucht nicht alles Worte. Welchen dieser Steine hat Conrad berührt? An welchen hat er sich angelehnt? Spielt das eine Rolle? Die Steine sind da. Sie alle kennen seinen Namen, den Namen ihres Erbauers.
Ich stehe auf der Terrasse, die einst der Burghof war, damals wohl eher dunkel und kühl, von hohen Mauern umgeben. Heute ist der Burghof lichtdurchflutet und warm, die Westmauer fehlt. In einem der Bäume brütet eine Meise. Leise hört man das hungrige Piepen der Küken. Mir wird bewusst, wie vergänglich das Leben ist und wie kostbar jeder einzelnen Moment. Und dieser hier ist … einzigartig. Zeitenwende. Ein Schwellemoment. 800 Jahre Geschichte und dieser eine Moment. Was bedeutet er?
Morgen stehe ich wieder hier. In einem Gottesdienst. Ausgerechnet das. Ich hebe die Augenbraue bei dem Gedanken nicht, weil ich nicht glaube. Ganz im Gegenteil. Ich habe eine innige Beziehung zu Gott.
Aber leider kein Vertrauen mehr in die Institution Kirche. Das ist irgendwann verloren gegangen, zwischen Missbrauchsskandalen und Kirchensteuer.
Zu viele Worte, wo man doch in Stille beten soll.
Zu viele Regeln, die das Herz begrenzen.
Zu viel von dem, was den Kern des Glaubens verdeckt.
Zu viel Macht und Geld, wo Liebe und Verständnis wirkten sollte.
Seit ich meinen eigenen Weg gehe, habe ich mein Vertrauen wiedergefunden. Ich bete still. Wortlos. Mit dem Herzen. Und Gott hört zu. Dass er es tut, zeigt mir dieser Moment und der Tag morgen.
Morgen stehe ich wieder hier auf der Terrasse. Bei der Wiedereröffnung der Strahlenburg, als Stiftungsgründerin, als eine der Menschen, die es möglich gemacht haben, diese Burg zu kaufen, sie wieder begehbar zu machen, sie der Gemeinschaft zurückzugeben und etwas aus ihr zu machen, das größer ist, als ich mir je zu wünschen gewagt hätte. Sie wird ein Ort, zu dem Menschen gerne kommen und ich darf mitgestalten. Conrads Burg! Die Burg meines Protagonisten.
Allein das ist ein Wunder.

Im Juni 2025 wusste ich von all dem nichts. Zwei Monate später machte ich eine Führung für die Bürgerinitiative, die die Burg kaufen wollte und wurde Teil davon, Teil der heutigen Stiftung Strahlenburg. Das ist nicht mal ein Jahr her! Vor einem Jahr sah ich noch hinauf zum Burgberg und dem Bergfried und sagte mehr zum Spaß (aber im Herzen ernst gemeint) zu Burg: „Eines Tages kaufe ich dich.“ Und nun bin ich längst selbst Teil der Burggeschichte. Wir haben die Strahlenburg gekauft. Wir haben sie wirklich gekauft! Und morgen öffnen wir wieder die Tore. Eine Burg für alle. Ich habe Gänsehaut.
Und da ist noch etwas, etwas gegen meinen Widerstand einen Gottesdienst zu besuchen. Ein leiser Ruf:
Geh hin. Geh in diesen Gottesdienst. Geh hin.
Ich werde gehen. Nicht, weil es erwartet wird oder weil es dazugehört, sondern weil etwas in mir sagt, dass dieser Moment mehr ist als die Summe seiner Teile. 800 Jahre Geschichte und dieser eine Moment. Was bedeutet er?
Vielleicht hat auf der Burg schon jemand gebetet. Bestimmt. Elisabeth, Conrads Frau. Vielleicht hat sie hunderte Male, während ihr Mann in der Lombardei war, auf Feldzug mit dem Kaiser, den Herren angefleht, für ihren Mann gebetet. Ich kann sie fast hören, ihre Bitte, dass er zurückkehrt. Zu ihr. Zu den Kindern. Zu den Menschen. Zu seiner Burg.
Und morgen sind wir es, die hier stehen und beten. Wir danken. Dafür, dass das Unmögliche möglich wurde. Wir bitten. Um Kraft, um Ausdauer, um diesen Ort zu einem Ort der Strahlkraft zu machen. Zu einem Leuchtturm von Menschlichkeit.
Ich sehe mich um: alte Mauern, neue Wege. Unter meinen Füßen mittelalterlicher Boden. Über mir die Unendlichkeit des Himmels. Die Küken piepsen in ihrem Baum. Das Leben kommt und geht. Bleiben tut nur der Ort. Und dann dämmert es mir: 800 Jahre Geschichte und dieser eine Moment.
Vielleicht hat dieser Ort gewartet. Genau auf diesen Augenblick.
Morgen werden Lieder erklingen, Gebete gesprochen, gefeiert, gelacht, erzählt. Manches wird vergehen. Vieles werde ich vergessen oder gar nicht bewusst wahrnehmen. Aber eines weiß ich jetzt schon: Ganz leise wird etwas geschehen, das sich nicht festhalten lässt. Still. Unsichtbar. Es ist ein Anfang, während etwas Altes endlich zur Ruhe kommt.
Ich gehe hin. In einen Gottesdienst, trotz meines Widerstrebens, weil mir ein leiser Ruf im Inneren sagt, dass ich genau dieser Moment, der Geschichte erleben soll.
Und dann verstehe ich es:
Das ist dieser eine Moment, an dem dieser Ort heilt – nach 800 Jahren.
Und ich darf das wahrnehmen, miterleben, niederschreiben. Ich stehe auf der Terrasse und merke, dass ich weine und bin froh, dass ich allein bin. Vielleicht versteht diesen Moment niemand außer mir. Aber dass ich ich ihn sehe, das ist wirklich ein Geschenk an eine Chronistin.
Herr, danke.
Und wenn ich morgen wieder runterkomme, ist das hier nicht nur ein Blogtext –
sondern ein Stück Geschichte.

