Was für ein perfekter Tag.
Auch wenn es morgens noch nicht so ausgesehen hat, so endete ein Tag, der für mich grandioser und einzigartiger nicht sein könnte: Die Burg ist wieder zugänglich für alle Gäste aus Nah und Fern.
Morgens starteten wir unsere Eröffnungsfeier mit einem ökumenischen Gottesdienst. Ja, dieser Gottesdienst, zu dem ich eigentlich nicht gehen würde, weil Glauben für mich mehr ist als Liturgie und das „Plappern“ von vorgefertigten Gebetsformeln. Aber… es regnet leicht. Wie bei meiner eigenen Hochzeit vor 25 Jahren. Gottes Segen von oben. Mittlerweile glaube ich genau daran. Und der Tag gestern hat das bestätigt. Das von der katholischen Priesterin versprenkelte Weihwasser wirkte dagegen wie ein Versuch, es Gott gleichzutun. Ich denke da wie jeder Lutheraner: Gottes Thron auf Erden darf nicht besetzt werden durch einen Menschen . Und so saß ich da, im leichten Regen, geschützt unter einer Kastanie, die „meine“ Baumpfleger vor ein paar Tagen geschnitten hatten, und staunte über den Moment.

Kurz tauchte ein Käthchen von Heilbronn und ein Graf von Strahl auf und führten in den Gottesdienst ein. Ein wenig kurios, ein wenig lustig und sehr charmant. Und ja, man kann sich nur wundern, wie sehr sich die Kirche in den letzten 800 Jahren verändert hat. Zwei Kirchen, eine Frau als Priesterin, ein evangelischer Pfarrer in einem schwarzen, schlichten Gewand. Keiner stand auf beim Beten, keine Liturgie in Latein. Conrad hätte sich gewundert. Aber vielleicht hätte er sich auch gefreut: Seine Schriesheimer beten in seiner Burg und erbitten Gottes Segen für diese Burg.
Sicher hätte er sich gefreut. Die Tore seiner Burg stehen wieder offen. Mehr als 2300 Gäste waren gestern da, an diesem wundervollen Tag. Für mich war neben den Kindern, die bei mir am Nachmittag am Kräutersalz-Stand waren, vor allem die glücklichen Gesichter der eigentliche Glücksmoment des Tages. Davon hatte ich einige. Wann immer jemand auf die Terrasse kam und diese Aussicht sah, sah man, was die Menschen in den vergangenen 3 1/2 Jahren vermisst hatten: Genau das. Ihre Burg und ihre Aussicht. Ihren Ort. Ich hörte viele Geschichten. Sehr viele. Wildfremde Menschen, die mir erzählten, wie viele Konfirmationen sie hier mit ihren Kindern und Enkelkinder gefeiert hatten, wo sie das Hochzeitsfoto auf der Terrasse gemacht hatten, welche Burgabenteuer sie hier als Kinder erlebt hatten, wie oft sie jede Woche hier waren oder … wie sehr sie es in den letzten Jahre bereut hatten, früher nicht öfter hier hoch gekommen zu sein. Und diese Reue können sie nun ablegen.

Einen Ort wie diesen mit neuer Bedeutung aufzuladen, ist eines der größten und herzbewegendsten Abenteuer, die ich bislang erlebt habe. Es bewegt mich wirklich zutiefst. All diese Menschen waren gestern so glücklich, viele sprachen mich heute darauf an, freuten sich noch immer, freuen sich auf das Wochenenden und den ganzen Sommer. Das ist so schön! Und gleichzeitig ein bisschen kurios, weil die Aussicht von der Burgterrasse nur minimal besser ist, als die Aussicht von dem Weg, der unterhalb der Burg entlangführt. Aber allein durch die Unterführung in der Burg zu gehen und dann auf der Terrasse zu stehen, links den „Neubau“, rechts das alte Palas-Gebäude und die Rheinebene vor sich, bei der man bei gutem Wetter gleich vier Gebirge sieht (Schwarzwald, Vogesen, Pfälzerwald und Taunus), und man weiß, dass dieser Ort so viele Jahrhunderte für Menschen in irgendeiner Weise und Form wichtig war, dass man auf mittelalterlichem Boden steht – das ist dann doch irgendwie besonders. Wer einmal dort stand, weiß, was ich meine. Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte von diesem Ort. Und gestern … schwang all das mit.
Und die Burg rief meinen Namen. Wörtlich! Ich hatte beim Gruppenfoto der Stiftung gefehlt, weil ich bei den Parkplatz-Wächtern vorbeigeschaut hatte und mich für ihren Einsatz bedankt habe. Und so riefen alle Gäste meinen Namen. Ich hörte das nicht, aber mir wurde es erzählt. „Du hast gefehlt! Und alle haben nach dir gerufen: Sindy! Sindy! Sindy“ Ein Schmunzeln lief über mein Gesicht. An so einem Tag ruft eine ganze Burg meinen Namen! Das ist ja noch schöner als auf einem Gruppenfoto zu sein. Was ist ein Bild gegen das? Mein Name hallte zwischen diesen Mauern wieder. Auch wenn ich zuerst dachte: Schade, das ich nicht auf dem Bild bin… Im Nachhinein hat dieser Moment für mich sogar mehr Bedeutung. Es gibt schon besondere Moment im Leben – selbst wenn man ihnen nicht beiwohnt.

Ich bin nicht esoterisch. Ich bin … ja, was bin ich? Chronistin? Vielleicht mit einer Begabung, für die es keine Beschreibung gibt: mit einem feinen Gespür für Zeit und Bedeutung, für Zusammenhänge und Konsistenz. In der Natur wiederholt sich vieles und folgt Mustern. Ich nehme diese Muster wahr, ohne sie wirklich benennen zu können. Aber ich merke, wenn eine Zeitlinie bricht, sich wiederholt oder überschneidet. Und gestern war so ein Moment. Ein Ort heilte. Er wurde gesegnet, mit Bedeutung aufgeladen und bekam eine zweite Chance. Und mit ihm ganz Schriesheim.

In einer Zeit, in der Menschen darüber klagen, wie schlecht der Zusammenhalt in der Gesellschaft geworden ist, wie wenige sich ehrenamtlich engagieren, wie gewaltvoll vieles geworden ist, in genau dieser Zeit schaffen wir einen Ort, der von reinstem Ehrenamt getragen ist, von Menschen, die sich vorher nicht kannten, von einer „Burggemeinschaft“, die daran glaubt, dass Unmögliches möglich werden kann, von Menschen, die Träume und Visionen für diesen Ort haben, die Zukunft sehen, die auf die Terrasse kommen und seufzen: „Ach, wie schön.“ Für mich war das gestern der Beweis, dass Gott auf Erden wirkt.
Er blies die Wolken fort. Nach dem Gottesdienst war es angenehme 20 Grad und blieb den ganzen Tag trocken. Fort waren bereits am späten Nachmittag auch 500 Saumägen, 800 Weißwürstchen, 400 Thüringer Würstchen, 8 Bleche Kuchen. Wie viele hundert Liter Kaffee, Apfelsaftschorle und Wein konsumiert wurden, kann ich nur schätzen.
Wie viele Stunden Ehrenamt dafür gesorgt haben, kann ich ebenfalls nur schätzen. Allein bei mir waren in der vergangenen Woche, in der ich meine Ehrenamtszeit mal getrackt habe, 50 (!) Stunden Ehrenamt angefallen. Was ich arbeite? Aktuell könnte man meinen „nichts“. Ich arbeite hier an meiner Zukunft auf der Burg: ein Bildungsstandort. Um so einen Ort zu erhalten, braucht es mehr als Würstchen und Kuchen. Es braucht Generationen. Und die Kinder sind es, die in 30 Jahren diesen Ort weiterführen werden. Dann sollen sie sagen: „Ich weiß, warum ich das tue, warum mich die Strahlenburg braucht, und ich kenne ihre Bedeutung.“ Das sehe ich als meine Aufgabe. Und wenn Gott will, habe ich dann auch einen Roman, der die vollständige Geschichte seines Erbauers erzählt: Conrad von Strahlenberg. Denn diese Burg wird von vielen mit dem Käthchen von Heilbronn und Heinrich von Kleist verbunden. Aber: Die wahre Geschichte ist eine viel bessere. Und unser Stadtgründer hat es sich verdient, dass man seine Geschichte mit dieser Burg verbindet, nicht nur die Geschichte eines ausgedachten Grafen und eines Mädchens, das diesem auf wundersame Weise verfallen ist. Vielleicht ist das ebenfalls meine Aufgabe. So viele Stricke meines Lebens laufen hier oben auf der Burg zusammen.

Für einen kurzen Moment im Getümmel des gestrigen Tages saß ich dort oben und blinzelte durch das Blätterdach der Kastanien in den Himmel und dachte an Conrad und Gott. Es war zwischen dem Psalm „Der Herr ist meine Burg“ und dem Vaterunser. Und ich merkte, wie sehr mich das alles berührte, wie groß dieser Moment war und wie wunderschön. Es war ein Moment der über 11 Stunden anhielt. Dann, um 20:45 Uhr, erstrahlte die Strahlenburg im goldenen Licht der untergehenden Sonne, und ein wunderschöner Sonnenuntergang, an den wegen des Regens am Morgen niemand glaubte, krönte diesen Tag und diese Burg. In diesem Moment wussten wir alle, dass die Strahlenburg und wir, ihre Schriesheimer, einen ganz besonderen Tag erlebt hatten.


