Gast sein, auf der Burg, deren Teil man geworden ist. Heute war es tatsächlich das allererste Mal, dass ich es geschafft habe, „sonntags einfach hoch auf die Burg zu laufen und Kaffee zu trinken“. Ein Satz, wie er ganz ähnlich in unserem Konzept für die Burg steht. Ein Ort, zu dem man einfach hochläuft.
Und ich habe es getan, mit meinem Mann im Schlepptau und der Gewissheit, dass ich da oben „meine“ Baumpfleger von Arboreal treffen werde – nicht zum Arbeiten, nicht zum Besprechen, nicht weil irgendwas getan werden muss, sondern einfach nur sitzen, treffen, sich nett unterhalten und … ja … die Früchte der Arbeit genießen.
Die 3 Euro für den Kaffee zahle ich gern. Alles für die Burg. Und ich weiß ja, dass in diesem Kaffee neben den Kosten und der Zeit zum Einkaufen, dem Brühen und Abfüllen, dem Abwaschen der Tassen vor allem auch die ehrenamtliche Arbeit der Vereine steckt, die heute dort oben unentgeltlich ihren Dienst schieben … um möglichst viel Gewinn aus diesem Kaffee für die Burg zu ziehen.
In jeder Minute dort steckt so viel Dankbarkeit, so viel Hingabe. Es ist nur ein Kaffee, aber während ich da sitze und weiß, wie viel Arbeit in diesem Ort steckt, werde ich innerlich ganz still und demütig. Ja, ich bin sogar dankbar für all die Arbeit, für das Wissen um die Arbeit anderer, die es als große Gemeinschaft geschafft haben, dass dieser Ort wieder zugänglich wurde.

Warum? Weil ich glaube, dass jeder Augenblick für mich dort oben mit einer so erschlagenden, herzerwärmenden Wertschätzung wahrgenommen wird, wie jemand, der das nicht weiß, diesen Ort einfach als „schön mit netter Aussicht“ wahrnimmt. Aber ich sehe die Leidenschaft und Hingabe all jener Menschen, die hinter diesem Projekt stecken. Inklusive meiner eigenen. Das macht was mit mir. Es macht mich demütig.
Demut – ein seltsames Wort eigentlich.
Denn mitten darin steckt der Mut.
Und vielleicht ist genau das kein Zufall.
Das alte Wort „Demut“, althochdeutsch diomuoti beziehungsweise mittelhochdeutsch diemuot, bedeutete ursprünglich nicht Unterwerfung oder Kleinmachen. Das „Mut“ darin meinte früher nicht nur Tapferkeit, sondern die innere Haltung eines Menschen – seine seelische Kraft, sein Herz, seine Gesinnung. Deshalb steckt es auch in Worten wie Hochmut, Edelmut oder Wehmut.
Das „De-“ beziehungsweise das alte „die-“ verweist wahrscheinlich auf Dienen, Zugehörigkeit oder das Sich-Einfügen in etwas Größeres. Dienen. Ich habe nun schon weit über 1000 Stunden diesem Ort gedient – das Schreiben und Recherchieren nicht mit eingerechnet. Und es werden sicher noch viele Stunden folgen.
Demut bedeutete also ursprünglich eher eine Haltung des dienenden Herzens, nicht: „Ich bin nichts wert“, sondern im Sinne von: „Ich erkenne meinen Platz im Ganzen.“ Und diesen Platz hatte ich heute dort oben. Mitten unter den Gästen. Mitten im angeregten Erzählen und Lachen um mich herum, im Unterhalten mit Fremden in der Warteschlange, im Austausch mit neuen Freunden.
Sich zu trauen, diesen Platz anzuerkennen … ja, dafür braucht es Mut.
Denn Demut heißt, nicht alles kontrollieren zu müssen, nicht immer im Mittelpunkt zu stehen, die Größe eines Ortes anzuerkennen, Geschichte wirken zu lassen, sich selbst zurücknehmen zu können und trotzdem ganz da zu sein.
Vielleicht fühlte sich die Burg deshalb heute so friedlich an.
Weil ich nichts beweisen musste, weil ich nicht retten, planen oder um sie „kämpfen“ musste.
Ich durfte einfach dort sitzen, mit einem Kaffee, meinem Mann und neuen Freunden, zwischen all den Menschen, die diesen Ort ebenso vermisst haben wie wir alle.
Heute war ich der demütigste Gast von allen.


