Es war nur ein Pfeil.

Der Baumpfleger, der den 15 Meter hohen Reststamm der vom Zunderschwamm befallenen Rosskastanie absägte, die auf der Terrasse der Strahlenburg stand, lachte:
„Der zeigt auf dich.“

Ich wusste zuerst gar nicht, wovon er sprach, bis ich die Baumscheiben auf dem Boden liegen sah. Und ich erstarrte. Mir wurde heiß und kalt zugleich und ich starrte die Baumscheibe mit ihrer Maserung an und dachte nur einen einzigen Satz:

„Das kann nicht sein!“

Über 80 Jahre stand diese Rosskastanie unmittelbar an der Palasmauer der Strahlenburg. Unmittelbar. So viele Jahrzehnte. Verwurzelt in Strahlenberger Boden. Unter ihr liegen vielleicht noch alte Scherben aus Conrads Zeit. Sie stand dort länger, als ich lebe, wuchs im Schatten der Palasmauer empor und schließlich über sie hinweg. Sie wurde abends orange angestrahlt, zusammen mit der historischen Mauer einer längst vergangenen Zeit. Und mitten in ihrem Innersten formte sich dieser Pfeil. Auf zehn Zentimetern Länge, mitten im Stamm. Ein Pfeil. Das Strahlenberger Wappen.

Hätte die Säge nur fünf Zentimeter drüber oder drunter geschnitten, dieser Pfeil wäre von niemandem gesehen worden. Aber da lag er und sah mich an.

Roter Pfeil auf guldem Feld,
schräg gestellt.

Der Wappenspruch der Strahlenberger. Und dieser hellbraune Pfeil leuchtete auf dem beige-gelben Untergrund in der Sonne und ich war erschüttert, sprachlos und zu Tränen gerührt gleichermaßen.

Bedeutung. Bedeutung ist eine seltsame Sache. Sie entsteht, weil wir etwas mit Orten, Geschichten, Dingen und Menschen verbinden. Je mehr wir uns mit diesen Elementen befassen, desto mehr Synapsen verknüpfen wir in unserem Gehirn und desto mehr wandern diese Elemente in unseren Hippocampus. Dort werden sie verankert mit Emotionen. Mit Freude, mit Ärger, mit Begeisterung, Liebe und eben all den Emotionen, die man mit diesen Elementen erlebt hat. Je mehr man sich damit befasst, desto mehr verbindet man sich damit und desto mehr Bedeutung schenkt man diesen Elementen.

Ich beschäftige mich seit über 30 Jahren mit der Strahlenburg. Nicht immer so extensiv wie in den letzten sechs Jahren, seit ich Conrad schreibe, und es war nie so intensiv wie im letzten Jahr, seit ich Teil der Gemeinschaft wurde, die sich zur Aufgabe gemacht hat, diese Burg für alle zu erhalten. Das Ausmaß meiner Beschäftigung mit diesem Ort ist mittlerweile auf einem Maximum angekommen. Es gibt eigentlich nur noch zwei Steigerungen:

  1. Ich arbeite dort oben jeden Tag.
  2. Ich wohne dort.

Aber ich glaube mittlerweile, dass das mein Weg sein wird. Wann? Das ist unerheblich. Selbst wenn es nicht passiert, so hat sich mein Gehirn wohl in jedem Bereich meines Denkens mindestens einmal mit Conrad verbunden, denn Conrad ist so präsent in meinem Leben, dass er wie ein innerer Ratgeber wirkt. Er ist eine Stimme, die bislang in mir viel zu leise war und die in meinem Kopf nun einen Namen, eine Identität bekommen hat. Die Strahlenburg ist für mich damit ein Stück „geistiges Zuhause“ geworden.

Zuhause.

Jeder, der mit diesem Wort etwas Positives verbindet, weiß, was es bedeutet, einen solchen Ort zu verlieren, oder wieder betreten zu dürfen. Das ist Psychogeographie. Und wir – die Stiftung Strahlenburg – haben diesen Ort gerettet und retten ihn noch immer. Wir wollen ihn bewahren, hegen und pflegen und laden ihn gerade neu mit Bedeutung auf. Neue Bedeutung.

Für mich heißt das: Zu meinem eigenen Bedeutungskern kommt noch ein neuer obendrauf, denn überschrieben wird nichts, da ich beide Welten präsent habe: Conrads Welt und meine.

Wie würdest du dich fühlen, wenn dein Zuhause oder dein Lieblingsort dir plötzlich ein Zeichen gibt? Ein so eindeutiges Zeichen, dass für dich jede andere Deutung hinter deiner eigenen zurücktritt? Wie würdest du dich fühlen, wenn der Ort dir antwortet?

Und genau das hat er heute getan. In einem Baum. Zwanzig Zentimeter hinter der Rinde verborgen, mit einer Kettensäge freigelegt.

Nächste Woche hätte ich gar keine Zeit gehabt, die Baumpfleger den ganzen Tag zu betreuen. Heute saß ich mit ihnen in der Mittagspause unter den anderen Kastanien der Burgterrasse und erzählte ihnen von Conrad, wie seine Welt ausgesehen hat, wie anders die Bergstraße war und wie seltsam langsam die Zeit verlief, wie viele Jahre es dauerte, eine Burg zu bauen – diese Burg. Auf deren Grundmauern wir sitzen und in deren Grundmauern diese Kastanie ihre Wurzeln gestreckt hat.

Und dann dieser Schnitt. Dieser Pfeil mitten im Baum.

Fassungslosigkeit.

Was passiert mit einem Menschen, wenn ein Ort plötzlich beginnt, Bedeutung zurückzugeben?

Conrad im Schatten eines Baumes.

Ich kann nur für mich sprechen. Eigentlich bin ich Naturwissenschaftlerin. Natürlich weiß ich um Zufälle und um Verletzungen, um die Verästelung von Pilzmyzel und um die Muster, die Pilze in Bäumen ziehen können. Ich weiß um Statistik und darum, dass das alles möglich ist.

Aber … so viele Zufälle? Dieser Zufall? Ein Pfeil?

Warum kein Herz? Eine Burg? Eine Wolke? Warum hier? Auf der Strahlenburg! Einen Burg, deren ursprüngliche Familie einen Pfeil als Wappen hat?

Es ist einer von so vielen Zufällen, dass es sich nicht mehr anfühlt wie Zufall.

Es verändert mich. Es macht mich demütig, sensibel, gläubig. Es fühlt sich an, als antwortet mir dieser Ort. Jede Faser, jedes Zeitgeflecht, alle Umstände scheinen auf die Burg zuzuziehen und nehmen mich mit. Es ist, als würde ich immer mehr in diesen Ort eingewebt werden.

Neurobiologisch ist das erklärbar. Das neuronale Netz spiegelt das wider, womit wir uns befassen und und unser Handeln folgt ihm. Und weil wir das tun, entsteht Resonanz im Außen und die Dinge „kommen zu uns“. Manche nennen das „Manifestation“ und verlangen einen Haufen Geld dafür. Ich nenne es Bedeutung und verlange nichts.

Wenn du Dingen Bedeutung schenkst, wenn du dich in deinem Leben mit Elementen befasst, die für dich wichtig sind, wird dir das Außen irgendwann antworten, weil dein Inneres – dein neuronales Netzwerk, dein Unterbewusstsein, deine Wahrnehmung – plötzlich beginnt, dein Handeln zu verändern. Und damit verändert sich die Wirklichkeit um dich herum. Barrieren brechen. Eine nach der anderen. Nicht weil du angestrengt glaubst oder wünschst, sondern weil du anfängst in diesem Glauben und Wunsch zu handeln.

Dann geh weiter. Immer weiter.

Und wenn du dich weiterhin mit den Elementen deiner Bedeutung beschäftigst, dann beeinflusst Bedeutung deine Realität.

Für mich ist allerdings eines wichtig:
Diese Bedeutung muss aus dir selbst heraus kommen, nicht von außen.

Die Liebe zur Strahlenburg war Liebe auf den ersten Blick. Verbunden mit meiner eigenen Liebe zu meinem Mann, die damals gleichzeitig entstand. Es ging und geht mir hier nicht um Geld, Erfolg oder andere materielle Dinge. Natürlich wäre es schön, das irgendwann auch zu haben, aber das kann nur ein Beiprodukt sein.

Mir geht es bei der Burg um Liebe zu diesem Ort, um die Bedeutung, die hier entsteht und die er für mich hat, um Sinn und um Conrad.

Natürlich könntest du nun sagen:
„Du solltest dir lieber Geld wünschen, dann würdest du besser leben.“

Aber das ist nicht das, was ich hinterlassen möchte. Eine Zahl auf einem Papierschein.

Ich möchte etwas Bedeutenderes hinterlassen. Und wenn es „nur“ das ist, Menschen dafür zu begeistern, wie großartig es ist, am Fuße genau dieser Burg zu wohnen. Und wenn sie verstehen, was dieser Ort bedeutet, wenn sie ihm eine eigene Bedeutung geben, eigene Erinnerungen dort oben haben, ihn auf ihre Weise lieben lernen, ihn mit Conrad von Strahlenberg verbinden und sagen:

„Das ist meine Burg.“

Dann bin ich selig.

Und ganz ehrlich?
Ich bin es jetzt schon.

Als ich am Eröffnungstag all die vielen glücklichen Gesichter gesehen habe, von Menschen, die endlich wieder auf die Terrasse kommen konnten, als mir wildfremde Menschen „ihre“ Burggeschichte erzählt haben, Kindheitserinnerungen, vom ihrem ersten Kuss hier oben, bis zu Taufen, die sie hier feierten, und sie diesen Ort nun endlich wieder besuchen können … da wusste ich nur eines:

Das ist unbezahlbar.
Das ist bedeutend.

Baumpfleger am Baumstamm, links daneben die Ruine der Strahlenburg.

Die Rosskastanie wird, auch wenn sie nun gefällt ist, mit diesem Eintrag für immer ein Teil der Burggeschichte bleiben. In meinem Herzen wird sie immer sein, denn sie war der lebendige Teil eines Ortes, der mir heute ein Zeichen gegeben hat – einen Pfeil, der nicht einfach „nur ein Pfeil“ war, sondern ein für mich bedeutender Pfeil.

Was es mit mir macht, wenn dieser Ort plötzlich beginnt, Bedeutung zurückzugeben?

Ich liebe die Strahlenburg nur umso mehr.

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