Der Tag beginnt früh. Es ist 7:30 Uhr. Der kleine Ostwald hinter der Strahlenburg ist voller Vogelgezwitscher. Die Vögel sind munterer als ich. Ich gehe den Weg entlang, hebe die ersten Glasscherben auf und prüfe, was sich über die letzten Tage verändert hat.

Um 8 Uhr kommt Utz, der Baumkletterer. Die Kastanie auf der Terrasse ist vom Zunderschwamm befallen. In ihren Höhlen könnten Tiere sitzen. Bevor der Baum gefällt werden kann, sichern wir alles, damit weder Lebensräume zerstört werden noch später jemand unter einem herabfallenden Ast steht. Sicherheit und Achtsamkeit gehören hier zusammen. Genauso wie Denkmalschutz und Naturschutz. Manchmal ist es aber, als würde man zwei Magnete mit dem gleichen Pol zusammenpressen wollen.

Danach folgt eine Begehung mit zwei Experten für historische Bauten. Und dann passiert dieser Moment.

Es ist nur ein Satz, eine Geste, die zur Mauer zeigt und plötzlich verändert sich alles.

Conrads Burg war vollständig eingeputzt.

Ich stehe vor der Schildmauer und sehe sie mit neuen Augen. Weiß. Glatt. Vielleicht sogar mit aufgemalten Fugen, sodass sie von weitem wie gemauert wirkte. Keine rohe Ruine. Sondern eine gestaltete Oberfläche, fast wie ein Kunstwerk und eine bewusste Entscheidung.

Ich bekomme Gänsehaut.

In meinem Kopf beginnt sofort alles zu arbeiten: Meine Rekonstruktion. Meine Bilder. Meine Vorstellung.
Das hier verändert alles.

Und gleichzeitig wächst die Achtung. Diese Mauern wurden nicht nur gebaut, sondern auch verputzt und das in Höhen, die selbst heute Respekt einfordern. Ohne unsere modernen Werkzeuge und „smoothen“ Baumaterialien, ohne unsere Sicherungssysteme oder Schutzausrüstung. Kalk! We, wie ich, wände schon ohne Handschuhe gekalkt hat, der weiß was das mit der Haut macht . Ich sehe die Menschen vor mir, die dort oben standen und spüre die Risiken, die sie eingehen mussten, weil sie es nicht anders kannten.

Und immer mit dabei: die Kamera des SWR.
Seit Wochen begleiten sie uns. Manchmal lästig, manchmal lustig. Ich bin gespannt, was daraus wird.

Danach gehe ich allein durch die Burg. Es sind diese selten Momente, die man hat, wenn alles still ist und die Gedanken zur Ruhe kommen. Dann ist mein „Zeitgeist“ eingeschaltet und es ist als würde ich durch Geschichte laufen. Hier in alter Puppenwagen aus den 1950ern – ich sehe das Mädchen mit Zöpfen dahinter das glücklich sein Püppchen schiebt. Dort ein paar Skischuhe aus den 1980ern, die von blauen Lippen und gemütlichen Abenden in warmen Hütten im Schnee erzählen.
Immer mit dabei: Meine Kamera.
Am Samstag wird vieles verschwinden. Wir räumen auf. Jahrzehnte, vielleicht ein Jahrhundert Spuren werden beseitigt. Für viele ist das Fortschritt.

Für mich ist es eine Zeitschicht, die abgetragen wird und für immer verloren ist. Vielleicht bin ich so etwas wie „zeitsensibel“ – wenn es dafür überhaupt einen Begriff gibt. Ist das ein Talent, eine Begabung oder eine Form von Hypersensibilität? Wer weiß das schon.

So ein Fotoapperat ist im Zeitalter der Handy-Fotografie schon fast selbst wieder ein Zeitrelikt. Aber sie ist digital. Ein letzter Blick. Ein letztes Festhalten.

Unterwegs halte ich Ausschau nach Spuren von Tieren und werde fündig. Eine Ratte landete im Magen eines nächtlichen Raubvogels, wahrscheinlich ein Käutzchen. Das Gewölle ist zerpflückt und schon älter, aber ich weiß, oben auf dem Dach des Bergfrieds liegt ein Zweites. Die Burg ist nächtliches Jagdquartier. Ich werde also den einen oder anderen Abend hier oben verbringen, denn der Naturschutz fordert eine Dokumentation. Als Biologin gehe ich dem gern nach… wie so vielen andern hier oben auch.

Am Fenster zur Terrasse der Burg wartet schon die nächste Aufgabe. Handwerker bauen ein neues Fenster ein. Ich begleite, stimme ab, halte den Überblick und manchmal den Hammer.

Als alles erledigt ist, ist es kurz vor 16 Uhr.

Zum ersten Mal an diesem Tag setze ich mich.

Auf die Terrasse, die es damals nicht gab, weiß hier eine Burgmauer verlief, Burggebäude standen und man dieses Aussicht nur von der Mauerkrone hatte, gut 3 Meter über mir. Was die Aussicht nur noch fantastischer machen würde.

Aber mir reicht sie von der Terrasse. Heute ist traumhaftes Wetter. Man sieht bis ins Elsass.
Ich hole meine Thermoskanne heraus. Der Kaffee ist vom Morgen nur noch lauwarm.

Und trotzdem:

Ich habe den ganzen Tag für diese Burg gearbeitet.
Ohne Bezahlung.
Ohne Pause.

Und werde am Ende mit genau diesem Moment belohnt.

Ich lächle. Das ist sicher kein normales Autoren-Leben.

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